Philosophie

Schüleressay - Max Wilden, GK Philosophie 13

Den Staat braucht selbst ein Volk von Teufeln

„Den Staat braucht selbst ein Volk von Teufeln - vorausgesetzt, dass sie Verstand haben und stets überlegt ihrem eigenen Vorteil folgen.“ Otfried Höffe

Auch wenn Höffes Feststellung auf den ersten Blick kontrovers erscheint, offenbart sich bei genauerem Hinsehen doch ein fundamentales Problem des menschlichen Zusammenlebens: Der scheinbare Widerspruch von Freiheit und Sicherheit.

Die Überzeugung, dass der Staatsapparat dem Wohle des Individuums abträglich ist, scheint in unserer modernen Gesellschaft weit verbreitet zu sein. Ständig setzen sich einzelne Menschen über allgemein gültige Gesetze hinweg, immer in der egoistischen Hoffnung davon zu profitieren. Der Staat wird von der Mehrheit seiner Bürger als einengendes bürokratisches Monstrum gesehen, viele Gesetze erscheinen antiquiert, unverständlich und kompliziert. Die Umgehung von Staatsgesetzen wird oft als Kavaliersdelikt angesehen. Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit sind weit verbreitet.

Wie falsch diese Überzeugung, gegründet auf Emotionalität und Unkenntnis von Staatenlosigkeit, ist, zeigt sich in einem einfachen Gedankenexperiment: Lebten alle Menschen ohne Gesetze und Konsequenzen für ihre Taten in einem Zustand der Anarchie, so würde oberflächlich zwar Freiheit herrschen, doch Sicherheit wäre nicht garantiert. Niemand wäre sicher davor, nicht getötet oder beraubt zu werden, Angst und Misstrauen wären allgegenwärtig. So würde unser Geist mit gewaltiger Vorstellungskraft unsere persönliche Freiheit extrem einschränken. Persönliche Entfaltung wäre unmöglich, selbst die Unachtsamkeit im Schlaf könnte zum Tode führen. Anarchie ist also keineswegs ein Zustand der totalen Freiheit, sie ist geprägt von lähmender Angst und Chaos.

Sicherheit kann erst durch gemeinsame Gesetze gegeben werden. Die Sicherheit aller hat jedoch einen Preis: Die Freiheiten des einzelnen werden eingeschränkt, ihm ist es nicht mehr erlaubt alles zu tun. Die Aufgabe des Staates ist es, das richtige Verhältnis von Freiheit und Sicherheit zu wahren. Dabei handelt es sich jedoch nicht um ein bloßes Abwägen von Menschenrechten, denn dem Staat ist das Paradoxe möglich: Durch Freiheitsbeschränkung kann er Freiheit schaffen. Durch die Einschränkung der Freiheit von außen fördert der Staat die innere Freiheit. In einem Idealstaat ist jeder Bürger sicher. Niemand muss Angst haben, ein jeder kann sich im Rahmen des Gesetzes entfalten. So bringt der Staat Freiheit und Sicherheit in Einklang. Er dient dem Individuum langfristiger und besser als die Anarchie.

Außerdem profitieren Staatsangehörige nicht nur durch die Befreiung von Ängsten, eine gemeinsame Rechtsgrundlage schafft auch eine Basis zur Kooperation, Erfolgsgrundlage der menschlichen Art. Der Lauf der Geschichte zeigt uns eindrucksvoll, in welchem Ausmaß der Mensch ein Herdentier ist. Selbst in Extremfällen erscheint ihm die Sicherheit, die die Konformität mit der Masse liefert, wertvoller als individuelle Freiheit. Nur so scheint das Verhalten von Millionen von Deutschen während der NS-Zeit erklärbar. Äußerst selten lehnen sich Menschen gegen ihr Regime oder ihre Regierung auf und selbst die Anfänge von erfolgreichen Revolutionen werden anfangs immer von einer radikalen Minderheit geführt, die breite, träge Masse folgt erst später.

Es ist also offensichtlich, dass der Staat die ideale Grundlage zum sozialen menschlichen Dasein bildet, ein Leben ohne ihn ist unmöglich. Mit dieser zwangsläufigen Notwendigkeit und Legitimation erhält der Staat auch einen großen Stellenwert im Leben aller Staatsangehörigen. Er trägt große Verantwortung und Macht – ein Missbrauch derselben durch die Regierenden ist auf Dauer höchst wahrscheinlich. Denn im Kern sind wir, trotz Staatenbildung, „unvernünftige“, emotionale Teufel, die glauben, einen größeren Vorteil durch Ausbrechen aus dem Staatsgefüge und dessen Bedingungen zu erhalten. Dieser Glaube ist, wie oben bewiesen, falsch. Höffe jedoch behält Recht: „Den Staat braucht selbst ein Volk von Teufeln - vorausgesetzt, dass sie Verstand haben und stets überlegt ihrem eigenen Vorteil folgen.“

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