Johanna Koch über die Deutsche Schüler Akademie (DSA) im Jahr 2008

Anfang des Jahres 2008, ich war in der Jahrgangsstufe 11, kam mein Deutschlehrer auf mich zu und erzählte mir erstmalig von der Deutschen Schüler Akademie (auch als DSA bekannt). Es sei eine Einrichtung unter der Schirmherrschaft von unserem Bundespräsidenten Horst Köhler, die sich mit der Förderung von Begabten beschäftigt. Er schlug mir vor, mich doch einmal genauer mit ihr zu beschäftigen und, sollte ich Lust dazu haben, mich noch einmal mit ihm in Verbindung zu setzen. Ich muss gestehen, nicht nur im ersten Augenblick war ich skeptisch. Ich und hochbegabt?! Wer kam denn auf diese Idee? Klar, ich war nicht schlecht in der Schule, man kann vielleicht sogar sagen, ich war so ehrgeizig, dass ich viel lernte und durchaus sehr gute Noten schrieb. Trotzdem hielt ich mich unter keinen Umständen für hochbegabt. Hochbegabt waren für mich Freaks, Streber mit einem Durchschnitt von 1,0. Schüler, die kaum Freunde hatten und den lieben langen Tag nichts anderes bzw. Besseres zu tun hatten, als sich mit der Schule zu beschäftigen. Dass ich mich darin wohl sehr irrte, sollte sich erst später herausstellen.

Zu meinem Glück kann ich sagen, dass ich die Deutsche Schüler Akademie durch Zufall abends am Tisch vor meiner Mutter erwähnte. Denn von da an war sie diejenige, die dahinter stand und mich Motivierte, wenigstens mal einen Blick auf die Internetseite zu werfen. Zwar war ich überzeugt, meine Einstellung zu diesem Thema auf gar keinen Fall zu ändern, aber mich fünf Minuten damit zu Beschäftigen, war ja nun auch nicht die Welt. Und siehe da, auf der Internetseite hörte sich die DSA doch plötzlich schon etwas anders an. Es sei eine Chance, den eigenen Horizont zu erweitern, sich mit den Themen zu beschäftigen, die in der Schule vernachlässigt werden, einen aber dennoch interessieren. Sie wurde dargestellt wie eine Art Jugendfreizeit mit Kursangeboten, aber auch viel Freizeit und Abwechslung.

Mein Podest, auf dem ich stand, begann tatsächlich ein bisschen zu wackeln. Immerhin erklärte ich mich so bereit noch einmal mit meinem Deutschlehrer darüber zu sprechen. Von ihm bekam ich daraufhin das weitere Prozedere erklärt: Um bei der Deutschen Schüler Akademie teilnehmen zu können, muss man von der eigenen Schule als Kandidat vorgeschlagen werden. Jede Schule ist dabei berechtigt, zwei Schüler aus den Stufen 11 oder 12 auszuwählen. Ist man erst `mal von seiner Schule aufgestellt, ist für die DSA jeder Schüler gleich. Es zählen keine Noten, jeder hat dieselben Chancen aufgenommen zu werden, sofern er sich entscheidet eine Bewerbung zu schreiben.

Beeindruckt davon, dass ich zu einem der beiden Schüler gehören sollte, entschied ich mich, mich wirklich als Bewerber vorschlagen zulassen. Und siehe da, kurze Zeit später bekam ich jede Menge Unterlagen, unter anderem eine ziemlich dicke Broschüre mit Kursangeboten, von den Organisatoren der DSA zugeschickt. Jetzt galt es nur noch, sich aus dem großen Angebot einen Kurs auszusuchen. Ich hatte die Möglichkeit insgesamt vier zu wählen, geordnet nach meinem Wunsch sie zu belegen. Je nachdem, was für Kurse es waren, fanden sie in verschiedenen Orten statt. Über ganz Deutschland waren sie verteilt und vielen jeweils in die Sommerferien des jeweiligen Bundeslandes. Sollte ich ein Angebot wählen, das außerhalb meiner Ferien lag, würde ich von der Schule beurlaubt werden. Der restliche Kram der Bewerbung war noch weniger anspruchsvoll. Ich hatte damit gerechnet, selbst schreiben zu müssen, mir richtig Gedanken machen zu müssen, warum gerade ich und warum diese Kurse, das übliche eben, an was man so denkt. Aber Fehlanzeige. Das Einzige was es auszufüllen galt, waren formelle Dinge. Wie alt ich war, welche Stufe ich besuche und und und. Das Ganze wurde in einen Umschlag gepackt, abgeschickt und dann hieß es einfach warten.

Ich war mir nicht sicher, auf was genau ich hoffen sollte. Würde ich mich freuen, wenn ich angenommen würde? Die Chance lag bei 1/3. Von ungefähr 1500 Bewerbern, bekamen etwa 500 die Möglichkeit zur Teilnahme. Man kann sich also gut vorstellen, wie überrascht ich war, als ich wirklich eine Zusage in den Händen hielt. Leider war der Kurs, den ich belegen durfte, nur meine Viertwahl.

Trotzdem bekam ich von da an von allen möglichen Seiten den Rat: „Mach‘s doch einfach, schaden kann es nicht, danach bist du so oder so um eine Erfahrung reicher, außerdem ist es eine einmalige Chance.“ Und irgendwann habe ich dann auch „Ja“ gesagt. Danach hieß es, Anmeldungen ausfüllen, Listen wurden herumgeschickt und Informationen verteilt. Und zu meinem Erschrecken stellte ich bald fest, das jeder aus meinem Kurs ein ca. 20-minütiges Referat halten musste, meine gesamten Unterlagen, die ich gestellt bekam, waren auf Englisch und schon das Thema hörte sich gruselig an.

Doch auch hier muss ich gestehen: Zwar war mir der Bereich völlig unbekannt, mein Englisch noch nie das beste und die Vorstellung, noch vor der DSA in meinem Sommerurlaub in Frankreich zu arbeiten und zu lernen einfach grausam, dennoch, auf irgendeine Art und Weise bereitete es mir Spaß. Es war eine Herausforderung, die mir da gestellt wurde, und ich wollte sie lösen. Und ich kann ruhig verraten, mit einem kleinen bisschen Hilfe von außen, ist mein Referat letztlich doch sehr ansehnlich geworden.

In den beiden letzten Wochen der Sommerferien war es dann soweit. Ich wurde von meiner Familie nach Hilden gebracht. Unterkunft war ein Internat auf dem Schulgelände eines Gymnasiums. Mir wurde der Schlüssel zu einem Zweibettzimmer und eine Art Zeitplan für die mir bevorstehenden zwei Wochen ausgehändigt, meine Familie fuhr nach Hause und ich bekam zum allerersten Mal ein flaues Gefühl im Magen. Aber jetzt galt es meine Entscheidung durchzuziehen und das Beste daraus zu machen. Und siehe da, das gestaltete sich einfacher als gedacht. Schon abends, nachdem wir in Ruhe unser Zimmer beziehen konnten, trafen wir mit den anderen Kursteilnehmern zusammen. Anschluss zu finden war einfach. Keiner kannte jemanden, jeder wollte so schnell wie möglich nicht mehr alleine sein und die sogenannten KüA’s taten das Ihrige. KüA’s waren kursübergreifendende Angebote, die an den Nachmittagen stattfanden, sie gehörten zu einem normalen Tagesablauf in der Deutschen Schüler Akademie: Frühstück gab es bis 8.30 Uhr, danach folgte das sogenannte Plenum, das eigentlich jeden neuen Tag eröffnete. Hier trafen alle Teilnehmer und Kursleiter der DSA Hilden zusammen, der Tag wurde geplant, Wichtiges verkündet und KüA’s vorgestellt. Bis zum Mittagessen um 12.15 Uhr waren alle in ihren Kursen, dann war Freizeit, um 16 Uhr gab es Kaffee und Kuchen, gefolgt von einer weiteren Kurseinheit bis zum Abendessen. Danach war der Abend frei und das Angebot an KüA’s riesig. Da gab es einen Chor, Kong-Fu, Karaoke, Standardtanzen, Theater, Filmabende, Caligraphie, Activity und viel viel mehr.

Die Teilnahme an diesen Angeboten war keinesfalls zwingend, jeder konnte den Abend gestalten wie er wollte, musste nur aufpassen, dass er dabei nicht allzu spät ins Bett kam, denn morgens, selbst am Sonntag war Frühaufstehen angesagt. Wie oft saß ich in meinem Kurs und bin ab und zu kurz weggenickt. Und ich war da kein Einzelfall. Doch die Kursleiter, jeweils zwei pro Kurs, nahmen das gelassen. Es war nicht ihre erste Akademie, sie kannten die völlig übermüdeten Jugendlichen wohl schon. Am Ende der zwei Wochen waren die Worte: „Schlaf wird überbewertet!“ ein gängiger Spruch, den jeder mindestens einmal in den Mund genommen hatte. So sahen wir am Ende aber auch alle aus.

Wir hatten unseren Spaß, auch wenn wir lernen mussten und bei schönstem Wetter in unserem Unterricht saßen. Warum? Es gab und gibt einen riesigen Unterschied zur Schule. Wir waren alle freiwillig dort und durchaus bereit und, das war sehr wichtig, motiviert uns mit dem Thema zu beschäftigen, dass wir uns selber ausgesucht hatten. Alle im Kurs interessierten sich dafür und das kann man bei den Fächern im normalen Schulalltag wohl nicht behaupten. Das machte letztendlich auch das gute Kursklima aus. So sehr wir doch alle verschieden waren, eines hatten wir so dennoch gemeinsam.

Abwechslung boten besonders zwei Tage vom Akademiealltag: Der Ausflugs- und der Rotationstag. An beiden Tagen hatten wir komplett frei, kein Kurs fand statt. Stattdessen fuhren wir am Ausflugstag nach Köln, ins Rheinenergie Stadion oder zu Bayer nach Leverkusen.

Der Rotationstag bot für uns die Möglichkeit herauszufinden, was die anderen Kurse so machten. Jeder bereitete etwas vor, was er den anderen Gruppen vorführte.

Die letzte Woche konzentrierte sich darauf, eine Dokumentation zu schreiben. Alle Kurse waren Verpflichtet, jede abgehaltene Stunde zu dokumentieren. Aber nicht einfach so, sondern fachlich korrekt, in wissenschaftlicher Sprache. Man kann sich jetzt nur schwer vorstellen, was für eine riesen Arbeit das war. Nicht selten saßen wir so lange vor unseren Texten und versuchten zu formulieren, dass die Augen tränten, der Kopf weh tat oder wir einfach nicht mehr konnten. Trotzdem, die Kurse untereinander gestalteten diese Arbeit wie eine Art Wettbewerb. Wer würde es als Erster schaffen, die Dokumentation des gesamten Kurses komplett fertig zu haben? Ein fast unentschiedener Kampf.

Zum Schluss brüteten alle bis kurz vor Abgabe am vorletzten Tag der Akademie vor ihren Dokumentationen. So etwas schweißt zusammen. Und ganz ehrlich? Das hätte ich ganz zu Beginn, als ich von der DSA gehört habe, nie vermutet. Klar waren alle Teilnehmer wirklich gut in der Schule, aber letztlich, wenn wir uns darüber unterhalten haben, ob wir uns für Hochbegabte halten würden, mussten wir doch alle grinsend verneinen. Kaum einer hatte am Anfang anders gedacht als ich. Jeder war davon überzeugt gewesen, nicht wirklich zu den Anderen in der Akademie zu passen, sich irgendwie abzuheben. Und alle sind wir vom Gegenteil überzeugt worden.

Ich habe eine wunderbare Zeit in der DSA Hilden verbracht, die ich unter keinen Umständen wieder hergeben möchte. Ich habe viele neue Freunde gefunden, bin selbstständiger geworden und hab neue Erfahrungen gesammelt. Lernen und sich für eine Sache wirklich ins Zeug legen, kann, ob man es glaubt oder nicht, wirklich Spaß machen.

Ganz davon abgesehen bietet die DSA auch noch im Nachhinein viele Vorteile. Durch die Teilnahme an einer Akademie kommt man automatisch in den Deutschen Studienstift und erhält dadurch die Möglichkeit, nach erfolgreichem Abschließen des Abiturs, sich für ein Stipendium zu qualifizieren.

Außerdem veranstaltet der sogenannte Club der Ehemaligen (CDE) auch noch später Freizeiten mit ähnlichen Kursangeboten, denn jeder darf nur einmalig Teilnehmer der Deutschen Schüler Akademie sein und am Ende einer Akademie erhält jeder Teilnehmer eine Auszeichnung über die erfolgreichen zwei Wochen und unter uns, das macht sich in einer Bewerbung schon ganz gut.

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